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Die Reliefsphäre ist eine natürliche Erdsphäre. Sie umfasst die Gesamtheit der festen Oberflächenformen des Planeten Erde – also seine Oberflächengestalt, sein Relief.

Ein Synonym für Reliefsphäre lautet Toposphäre.[1][2]

Begriff

Die Reliefsphäre wurde 1969 den Geowissenschaften vorgestellt durch den deutschen Geographen Julius Büdel (1903–1983).[3] Sie stellt den Versuch dar, die Vielfalt der Oberflächenformen der Erde in einem übergreifenden Begriff zu fassen:

„Die Wissenschaft der Geomorphologie untersucht das Relief (Oberflächengestalt, Geländeformen, Formenschatz, Formenbild), das als vielgestaltige Grenzfläche die feste Erdkruste unserer Erde (Gesteinshülle, Lithosphäre) nach außen umfasst. In ihrer Gesamtheit nennen wir diese Grenzfläche die Reliefsphäre. Sie ist ein eigenständiges Gebilde von sehr verschiedenartiger Ausformung als Berg und Tal, Gebirge und Hügelland, Hängen jeder Gestaltung und weiten Ebenheiten mit einem bunten Wechsel von Kleinformen.“

Julius Büdel: Klima-Geomorphologie: 1[4]

Aus dem eben wieder gegebenen Zitat wird allerdings nicht sehr deutlich, was unter der Reliefsphäre genau verstanden werden soll. Ob in ihr eine ganz eigenständige natürliche Erdsphäre zu sehen ist oder ob bloß der am Relief beteiligte, obere Rand der Lithosphäre zusätzlich noch als Reliefsphäre ausgesondert werden kann. Weitere Äußerungen scheinen die Reliefsphäre sogar vollständig von der Lithosphäre scheiden zu wollen:

„Mit diesem Grundzug [der Modellierung durch exogene (außenbürtige) Prozesse] unterscheidet sich die Reliefsphäre entscheidend von der Lithosphäre … die ihre Entstehung vornehmlich endogenen (innenbürtigen) Einflüssen … verdankt.
[Feste Dauerspuren von Zuständen während früherer Erdzeiten] bewahrt nur die feste Erdkruste mit ihren beiden Teilschalen: der ihre innere Struktur bestimmenden Lithosphäre und der ihre Oberflächengestalt beherrschenden und stets neu umgestaltenden Reliefsphäre.“

Julius Büdel: Klima-Geomorphologie: 2,4[5]

Die Reliefsphäre kann jedoch auch noch gänzlich anders aufgefasst werden. Nämlich ausschließlich als Gesamtheit der Reliefformen[6] – eben wirklich nur als "vielgestaltige Grenzfläche der Erdkruste"[7]. Diese alternative Auffassung geht besonders klar aus einer veranschaulichenden Abbildung hervor, die ebenfalls von Julius Büdel stammt.[8] Es war diese Sicht auf die Reliefsphäre, die sich mehrheitlich durchgesetzen sollte:[9][10][11]

„Um Rahmen der Geosphären begrenzt BÜDEL eine selbstständige Reliefsphäre. Mit dieser Auffassung kann man einverstanden sein, man muss nur im Sinne haben, dass das Relief eine immaterielle Größe ist; materiell ist der Träger, d.h. die Erdkruste.“

Jaromír Demek: Julius Büdel: Klima-Geomorphologie [Rezension]: 195[12]

Julius Büdel sah in der Reliefsphäre ein Etwas, das tatsächlich in der naturwissenschaftlichen Realität vorhanden ist.[13] Sie war seiner Ansicht nach sogar das zentrale naturwissenschaftliche Forschungsobjekt der Geomorphologie.[14] Im Anschluss an ihre Begriffsprägung hat die Reliefsphäre jedoch keine sonderlich weite Verbreitung im geowissenschaftlichen Schrifttum erfahren. Dennoch wird die Reliefsphäre zumindest gelegentlich von Geowissenschaftlern erwähnt.[15][16][17][18] Darüber hinaus hat sie es sogar in Bildungspläne für deutsche Gymnasien geschafft.[19]

Inhalt und Umfang

Die Reliefsphäre umfasst das ganze Relief der Erde – also alle Oberflächengestalten, Geländeformen, Formenbilder, den vollständigen Formenschatz.[20] Überall auf der Erde wird das Relief gestaltet durch Zusammenwirken von innenbürtigen (endogenen) und außenbürtigen (exogenen) Einflüssen.[21][22] Das gilt sowohl für terrestrische Erdoberflächen[23] als auch für feste Oberflächen am Grund der Meere und Gletscher:[24]

Global entstehen durch endogene Vorgänge Ursprungsformen, die Morphostrukturen[25] (endogene Rohformen[26]). Die Energie für die endogen betriebene Ausbildung der Morphostrukturen stammt letztlich aus dem heißen Erdinnern[27] (Ausnahme: exogen gebildetes Gletschereis). Die Morphostrukturen werden anschließend durch exogene Vorgänge überformt, die sich von Weltgegend zu Weltgegend in Art und Umfang unterscheiden können.[28] Durch exogene Vorgänge modellierte Morphostrukturen werden zu Morphoskulpturen[29] (exogene Realformen[30]). Weltweit stammt die Energie für die exogen betriebene Modellierung der Morphoskulpturen letztlich von der Sonne.[31]

Die Morphoskulpturen formen sich aus in den jeweiligen stofflichen Untergründen, den Reliefträgern.[32] Die Reliefträger können vier verschiedenen Untergründen entstammen – Regolithen, Böden, direkt anstehenden Gesteinen und manchmal auch Gletschereis. Auf diese Weise formt sich die Reliefsphäre in der Dekompositionssphäre im engeren Sinne, der Pedosphäre, der Lithosphäre und der Kryosphäre. Dabei wird das Relief häufig stark vorgegeben durch die Oberflächenform der Lithosphäre. Dieser lithosphärischen Oberflächenform folgen eventuell auflagernde Regolithe und Böden meistens bloß nach: Im Vergleich zum reliefprägenden Einfluss der Lithosphäre werden die Oberflächenformen durch Dekompositionssphäre i.e.S. und Pedosphäre häufig nur wenig modifiziert.[33]

Gliederung

  • Reliefsphärengliederung nach vorherrschendem reliefbildenden Vorgang:[34]
  1. Reliefsphäre der Abtragungsgebiete: Die Gesamtheit des vor allem durch Abtragungsvorgänge geformten Reliefs.
  2. Reliefsphäre der Transportgebiete: Die Gesamtheit des vor allem durch Transportvorgänge geformten Reliefs.
  3. Reliefsphäre der Ablagerungsgebiete: Die Gesamtheit des vor allem durch Ablagerungsvorgänge geformten Reliefs.
  • Reliefsphärengliederung nach Lage:[35]
  1. Subaerische Reliefsphäre: Die Gesamtheit des Reliefs der terrestrischen Erdoberfläche. Es umfasst etwa 26 % der festen Außenfläche der Erde.[36] Hierzu zählt auch das Relief auf Gletschern und Inlandeismassen.[37]
  2. Submarine Reliefsphäre: Die Gesamtheit des Reliefs der Oberfläche des Meeresgrunds. Es umfasst etwa 71 % der festen Außenfläche der Erde.[38]
  3. Subglaziale Reliefsphäre: Die Gesamtheit des Reliefs unterhalb von Gletschern und Inlandeis. Es umfasst derzeit noch etwa 3 % der festen Außenfläche der Erde.
  4. Litorale Reliefsphäre:[39] Die Gesamtheit des Reliefs im Übergang von submarinem und subaerischem Relief (randmarines Relief).

Literatur

  • Büdel J: Die Reliefsphäre im Schalenbau der Erde. Mannheim, 1969
  • Büdel J: Klima-Geomorphologie. Berlin·Stuttgart, 1977: 1-9
  • Demek J: Julius Büdel: Klima-Geomorphologie [Rezension]. In: Die Erde 110 (1979): 195-196
  • Kiewietdejonge CJ: Büdel's geomorphology. In: Progress in Physical Geography 8 (1984): 218-248

Einzelnachweise

  1. Huggett RJ: Geoecology: an evolutionary approach New York, 1995: 7, 26
  2. Huggett RJ, Cheesman J: Topography and the Environment. Harlow, 2002: 9-11
  3. Büdel J: Die Reliefsphäre im Schalenbau der Erde Mannheim, 1969
  4. Büdel J: Klima-Geomorphologie. Berlin·Stuttgart, 1977
  5. Büdel J: Klima-Geomorphologie. Berlin·Stuttgart, 1977
  6. Büdel J, Hagedorn H: Einleitung. In: Zeitschrift für Geomorphologie Supplementband 23 (1975): V
  7. Büdel J: Klima-Geomorphologie. Berlin·Stuttgart, 1977: 1
  8. Büdel J: Klima-Geomorphologie. Berlin·Stuttgart, 1977: 3 (Figur 2)
  9. Kiewietdejonge CJ: Büdel's geomorphology. In: Progress in Physical Geography 8 (1984): 218
  10. Zepp H: Geomorphologie. Paderborn, 2002: 18
  11. Dürr H, Zepp H: Geographie verstehen. Paderborn, 2012: 79
  12. Demek J: Julius Büdel: Klima-Geomorphologie [Rezension]. In: Die Erde 110 (1979): 195-196
  13. Büdel J: Die Stellung der Geomorphologie im System der Naturwissenschaften. In: Zeitschrift für Geomorphologie Supplementband 23 (1975): 9
  14. Büdel J, Hagedorn H: Einleitung. In: Zeitschrift für Geomorphologie Supplementband 23 (1975): V
  15. Huggett RJ: Geoecology: an evolutionary approach New York, 1995: 7, 26
  16. Zepp H: Geomorphologie. Paderborn, 2002: 18
  17. Dürr H, Zepp H: Geographie verstehen. Paderborn, 2012: 79
  18. Endlicher W: Einführung in die Stadtökologie. Stuttgart, 2012: 20,68
  19. Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg (Hg.): Bildungsplan 2004 · Allgemein bildendes Gymnasium. Stuttgart, 2004: 245
  20. Büdel J: Klima-Geomorphologie. Berlin·Stuttgart, 1977: III
  21. Büdel J, Hagedorn H: Einleitung. In: Zeitschrift für Geomorphologie Supplementband 23 (1975): VI
  22. Büdel J: Die Stellung der Geomorphologie im System der Naturwissenschaften. In: Zeitschrift für Geomorphologie Supplementband 23 (1975): 9
  23. Büdel J: Klima-Geomorphologie. Berlin·Stuttgart, 1977: III
  24. Sommerhoff G: Geomorphologische Prozesse in der Labrador- und Irmingersee. Ein Beitrag zur submarinen Geomorphologie einer subpolaren Meeresregion. In: Polarforschung 51 (1981): 175-191
  25. Demek J: Julius Büdel: Klima-Geomorphologie [Rezension]. In: Die Erde 110 (1979): 196
  26. Büdel J: Klima-Geomorphologie. Berlin·Stuttgart, 1977: 14
  27. Büdel J: Klima-Geomorphologie. Berlin·Stuttgart, 1977: 2
  28. Büdel J: Klima-Geomorphologie. Berlin·Stuttgart, 1977: 3 (Figur 1)
  29. Demek J: Julius Büdel: Klima-Geomorphologie [Rezension]. In: Die Erde 110 (1979): 196
  30. Büdel J: Klima-Geomorphologie. Berlin·Stuttgart, 1977: 14
  31. Büdel J: Klima-Geomorphologie. Berlin·Stuttgart, 1977: III, 16
  32. vgl. Demek J: Julius Büdel: Klima-Geomorphologie [Rezension]. In: Die Erde 110 (1979): 195
  33. Büdel J: Klima-Geomorphologie. Berlin·Stuttgart, 1977: 3 (Figur 2)
  34. Büdel J: Klima-Geomorphologie. Berlin·Stuttgart, 1977: 2
  35. Büdel J: Klima-Geomorphologie. Berlin·Stuttgart, 1977: 1-2
  36. Büdel J: Klima-Geomorphologie. Berlin·Stuttgart, 1977: 1-2
  37. Kiewietdejonge CJ: Büdel's geomorphology. In: Progress in Physical Geography 8 (1984): 218
  38. Büdel J: Klima-Geomorphologie. Berlin·Stuttgart, 1977: 1
  39. Kiewietdejonge CJ: Büdel's geomorphology. In: Progress in Physical Geography 8 (1984): 218

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